Küss mich, Muse

Schreiben ist etwas sehr Persönliches. Jede Autorin, jeder Autor hat ganz unterschiedliche Ansätze, sich inspirieren zu lassen, eine Geschichte zu entwickeln, weder die Lust noch den Faden zu verlieren.

Schriftstellerinnen und Schriftsteller erzählen uns über ihre Schreibrituale, in Podcasts, Videos und Texten.

Schreibrituale

Katja Lange-Müller

In ihrem Text zu Schreibritualen beschäftigt sich die Autorin Katja Lange-Müller damit, was für sie gelungene Literatur ausmacht, wie sie selbst sich ihren Protagonisten annähert und was passiert, wenn sich Romanfiguren dem Willen ihres Schöpfers widersetzen.
Es liest: Rebecca Jacob

Katja Lange-Müller lebt in Berlin und in der Schweiz. Für ihre Romane erhielt sie bereits zahlreiche Auszeichnungen, u. a. den Günter-Grass-Preis 2017. Zuletzt erschienen ihr Roman „Drehtür” und die Poetikvorlesungen „Das Problem als Katalysator”.

Christoph Peters

Der Schriftsteller und Tee-Experte Christoph Peters nutzt gerne Rituale, um seinen Alltag und seine Arbeit zu strukturieren. Wie er sich selbst jeden Morgen an den Schreibtisch lockt, erzählt er uns in einem Audio-Podcast.

Christoph Peters studierte Malerei in Karlsruhe und lebt heute in Berlin. Auf Reisen nach Asien und Nordafrika taucht er immer wieder in fremde Welten ein. Als Autor zahlreicher Romane und Erzählungen wurde er vielfach ausgezeichnet.

Im Herbst 2021 kommt „Tage in Tokio“ heraus.

Lisa Kreißler

Um sich selbst die Angst vor dem Schreiben zu nehmen, verfasst Lisa Kreißler unter anderem Briefe (auch mal an sich selbst). Mit einem Brief beginnt auch ihr gerade erschienener Roman „Schreie & Flüstern“, aus dem Lisa Kreißler in diesem Podcast liest.

Lisa Kreißler ist studierte Theaterwissenschaftlerin. Ihr Debütroman „Blitzbirke“ erschien 2014, 2018 folgte „Das vergessene Fest“. Neben dem Schreiben moderiert und kuratiert sie bei NDR Kultur den Literaturpodcast »Land in Sicht«.

Christopher Kloeble

Seit Kinder sein Autoren-Universum bevölkern, haben sich die Schreibrituale für Christopher Kloeble deutlich verändert. In einem kurzen Video zeigt er uns, wie man zwischen Lego und Holzeisenbahn doch an den Schreibtisch findet und wie Joggen den Kopf frei macht.

Christopher Kloeble wurde für sein Werk vielfach ausgezeichnet, seine Bücher sind in neun Sprachen übersetzt worden. Zuletzt erschien sein Abenteuerroman „Das Museum der Welt“. Er lebt in Berlin und Neu-Delhi.

Ritual

am Morgen irgendwann aufstehen. also sich aus dem Schlaf hochkämpfen, unbedingt irgendwie wachwerden, kalt duschen, Kaffee trinken, Musik hören, egal was, Hauptsache es hilft, dann kurz warten und hoffen, dass keine Termine anstehen und nichts gemacht werden muss, und wenn einem wirklich einmal gar nichts Derartiges einfällt, erleichtert durchatmen und wieder kurz abwarten, ob irgendeine spontane Lust aufkommt. vielleicht ein bestimmtes Frühstück essen oder sofort einen Spaziergang machen oder jemanden anrufen oder sofort etwas schreiben oder lieber ganz langsam alles beginnen und zwei Stunden lesen oder heute mal ganz anders starten und in die S-Bahn zu steigen, um früh um neun um den Schlachtensee zu laufen, oder endlich ins Museum zu gehen oder einfach noch eine Weile unschlüssig auf dem Fußboden liegen, in dem niederschmetternden, gleichzeitig befreienden, gleichzeitig wahren, gleichzeitig irrtümlichen, gleichzeitig fatalen, gleichzeitig heilsamen Gefühl, dass es absolut nichts Wesentliches zu tun gibt auf dieser Welt

Lorenz Just

Lorenz Just

studierte in Halle/Saale und in Leipzig, heute lebt er in Berlin. 2020 erschien sein erster Roman „Am Rand der Dächer“. Der Text „Ritual“ entstand bei der dreitägigen Schreibwerkstatt des Literaturfestes Niedersachsen auf dem Hermannshof in Springe/Völksen.

Miranda

Am Anfang hatte sie sich noch ganz normal verhalten. Genau wie es auf dem kleinen Kärtchen stand, das in ihrer Erde gesteckt hatte, schloss sie ihre Blätter gegen Abend und öffnete sie am Morgen wieder. Es war natürlich eine langsame Bewegung, etwas, das man nicht beobachten konnte, sondern einfach feststellte, wenn man nach einigen Stunden zufällig wieder hinsah.
Ich gab mir Mühe, sie ihren Bedürfnissen entsprechend zu pflegen. Täglich besprühte ich ihre Blätter mit Wasser und fühlte, ob ihre Erde noch leicht feucht, aber nicht nass war, so wie sie es dem Kärtchen nach mochte. Es klingt vielleicht etwas albern und ist mir auch ein wenig peinlich, doch ich möchte hier nichts auslassen, deswegen muss ich auch schreiben, dass ich ihr einen Namen gegeben habe: Miranda.
Es war eine dieser Nächte, in denen ich aufwachte, weil draußen auf der Straße Betrunkene grölten. Ich stand auf, um mir ein Glas Wasser zu holen. Eigentlich gab es keinen Grund für mich, im Arbeitszimmer Licht zu machen, aber als ich es dennoch tat, sah ich, dass Mirandas Blätter geöffnet waren. Am nächsten Tag kam ich erst spät aus dem Bett und brauchte einen starken Kaffee, um überhaupt in die Gänge zu kommen. Es war Mittag, als ich mich endlich zum Schreiben hinsetzte und sah, dass Miranda ihre Blätter geschlossen hatte. „Was machst du denn?“, fragte ich sie etwas hilflos. Natürlich antwortete sie nicht. Ich nahm ihren Topf und stellte ihn auf die Fensterbank, vielleicht würde direktes Sonnenlicht ihr dabei helfen, zurück in ihren Rhythmus zu finden. Den ganzen Nachmittag konnte ich mich kaum auf meinen Text konzentrieren, immer wieder sah ich zu Miranda, nur um festzustellen, dass ihre Blätter immer noch geschlossen waren. Schließlich klappte ich meinen Laptop zu und gab für den Tag auf, ich ging nach draußen, um frische Luft zu schnappen und vielleicht spazierend zu neuer Inspiration zu kommen. Als ich wieder nachhause kam, war es dunkel und Miranda hatte ihre Blätter geöffnet. Ich kann im Nachhinein nicht sagen, wieso ich mich von ihr so beeinflussen ließ, wieso ich mich schließlich vollkommen mit ihr synchronisierte. (Oder sie sich mit mir?) Ich schrieb in dieser Nacht zwei neue Kapitel und verschlief den ganzen nächsten Tag. So ging das einige Wochen, vielleicht auch Monate, bis ich blass, sozial vereinsamt und mein Roman fertig war.
Bevor ich gleich das Ende erzähle, möchte ich darum bitten, mich nicht zu verurteilen, ich weiß, wonach es aussieht, aber es war keine Absicht, wirklich nicht. In der Nacht, nachdem ich mein Manuskript verschickt hatte, konnte ich wieder nicht schlafen, obwohl ich nichts mehr zu Schreiben hatte. Ich trat an das Fenster, vor dem Miranda stand, rückte sie kurz zur Seite, um es zu öffnen und schob sie dann wieder an den alten Platz, damit wir beide frische Luft schnappen konnten. Wie genau es passiert ist, kann ich nicht mehr sagen, hier habe ich eine Lücke. Sie fiel hinunter und landete nur knapp vor den Füßen eines Betrunkenen. Er sah nach oben und beschimpfte mich. Schnell schloss ich das Fenster, ging ins Bett und schlief bis zum Morgen.

Verena Keßler

Verena Keßler

studiert am Deutschen Literaturinstitut in Leipzig, sie war u.a. Stipendiatin des 23. Klagenfurter Literaturkurses. Ihr Romandebüt „Die Gespenster von Demmin“ ist 2020 bei Hanser Berlin erschienen. „Miranda“ entstand im Rahmen der Schreibwerkstatt des Literaturfestes Niedersachsen auf dem Hermannshof in Springe/Völksen.

Newsletter abonnieren

Bleiben Sie auf dem Laufenden! Hier können Sie sich zu unserem E-Mail-Newsletter anmelden, der Sie regelmäßig über Neuigkeiten informiert.