Persönliche Rituale

Die Tasse Ostfriesentee mit Wulkje und Kluntje, die Gute-Nacht-Geschichte, das „Toitoitoi“ vor einem Auftritt: Wir alle pflegen Rituale, ob bewusst oder unbewusst. Sie geben uns Halt und Sicherheit, sie machen sogar glücklich, wie Wissenschaftler herausgefunden haben.
Wir haben Kolleginnen und Kollegen, aber auch unsere Festival-Freundinnen und -Freunde gefragt: „Was sind Ihre besonderen, ganz persönlichen Rituale“? Die Sie pflegen, weil das in Ihrer Familie so Brauch oder in Ihrer Gegend so üblich ist, oder weil Ihnen die rituelle Handlung einfach vertraut ist und gut tut.

Lesen Sie hier kleine, individuelle Geschichten über Rituale, und schreiben Sie uns gerne, welches Ihr besonderes Ritual ist. Unter den Einsendungen verlosen wir fünf unserer neuen Literaturfest-Schreibmäppchen.

Das Akkordeon im Hofgarten

In dem 9-Parteien-Haus, in dem ich wohne, leben neben diversen Erwachsenen, Teenagern und Kindern noch ein Klavier, ein Akkordeon, ein Saxophon, ein Euphonium, eine Trompete, Querflöten, Bratschen, Gitarren und mehrere Schlaginstrumente. Selten werden die Instrumente auch gemeinsam gespielt, aber an einem Tag – so will es unser über viele Jahre gehegtes und gepflegtes Ritual – werden sie alle gleichzeitig herausgeholt: zur Weihnachtsmusik, direkt nach dem Krippenspiel und noch vor Bescherung und Festtagsbraten. Das Akkordeon gibt Lied und Takt vor, alle anderen setzen mit ein. Wer kein Instrument spielen kann oder will, singt lautstark mit. Auch wenn die Kinder noch so gequengelt haben und das Wetter noch so widrig war, unser häusliches Weihnachtsritual haben wir uns nie nehmen lassen. Letztes Jahr war es etwas anders: Da saß das Akkordeon einsam mit der Gitarre im festlich erleuchteten Hinterhofgarten. Alle anderen Nachbarn hatten sich Corona-bedingt auf den Balkonen versammelt, je höher der Balkon, desto leiser Melodie und Rhythmus der Taktgeber im Hinterhof. Manche Parteien waren also früher fertig mit ihrem Weihnachtslied als andere, manches klang schräger als sonst, aber irgendwie war es genauso schön wie immer, vielleicht sogar noch schöner. Mal sehen, was dieses Jahr so bringt!?

Kirsten Karg, Leitung Festivalkommunikation

Der rote Faden

Mein ganzes Leben haben mich Rituale begleitet:
Einige Jahre lang bin ich jeden Sonntag in die Kirche gegangen. Früher habe ich auch vor jeder Mahlzeit ein Tischgebet gesprochen, das hat sich geändert, als ich mit meinem Mann zusammengezogen bin.
Als die Kinder klein waren, habe ich jeden Abend zuerst eine Gute-Nacht-Geschichte gelesen und anschließend ein Gute-Nacht-Lied gesungen. Das mache ich jetzt natürlich nicht mehr, dafür sind sie inzwischen zu groß geworden.
Aber es gab mal eine Zeit, in der ich Probleme mit dem Einschlafen hatte, da habe ich mir gedacht, was den Kindern hilft, hilft mir auch. Also habe ich mir ein „Ins-Bett-gehen“-Ritual überlegt: Mit einer Tasse Tee und Wärmflasche ins Bett (mit warmen Füßen schläft es sich besser ein) und mindestens 15 Minuten Lesen. Das Lesen vor dem Schlafen habe ich bis heute beibehalten.
Und ich bin sehr spleenig mit meinem Nachmittagskaffee, den trinke ich nicht einfach so zwischendurch, sondern ich setze mich bewusst hin, esse meist eine süße Kleinigkeit dazu und lese in einer Zeitschrift oder einem Buch und genieße „meine“ halbe Stunde. Daher würde ich das mittlerweile auch schon als Ritual bezeichnen.
So haben sich meine Rituale immer wieder zusammen mit meinem Leben verändert und sich an die aktuellen Umstände angepasst.

Julia Pleschke, Projektassistenz, VGH Stiftung

Rituale zu Weihnachten und zu Ostern

In meiner Düsseldorfer Familie gibt es zu Weihnachten und zu Ostern ein Ritual, auf das sich alle immer sehr freuen. Denn seit mehr als vierzig Jahren kocht meine Mutter an diesen Feiertagen Ochsenschwanzsuppe und Filet Wellington für die ganze Familie – ein anderes Gericht würde für niemanden in Frage kommen. Normalerweise kommt dann die ganze große Familie zusammen, und meine Mutter beginnt schon Tage vorher mit den Vorbereitungen.
Aber da Corona-bedingt der Besuch in Düsseldorf letztes Weihnachten ausfallen musste, habe ich das Familienrezept kurzerhand selbst gekocht und das Ritual im kleinen Familienkreis weiterleben lassen. Seitdem habe ich einen Heidenrespekt vor meiner Mutter, da das Rezept tatsächlich sehr, sehr aufwändig ist – aber die Mühe hat sich gelohnt. Und nächste Weihnachten kann ich mir dann hoffentlich wieder das „Original“ schmecken lassen.

Barbara Schomburg, Projektassistenz, VGH Stiftung

Espresso immer und überall…

Wir lieben gutes Essen. Und da mein Mann ein ausgezeichneter Koch ist, kommen wir beinahe täglich in den Genuss von leckeren Gerichten. Den krönenden Abschluss einer Gaumenfreude bildet seit vielen Jahren jedes Mal ein Espresso. Kredenzt mit einer süßen Kleinigkeit – einer schokolierten Espressobohne oder mit Kakao überzogenen Mandel.
Der Espresso wird mit einem Handgerät zubereitet, bei dem der Druck wie bei einer Luftpumpe erzeugt wird. Der Vorteil liegt auf der Hand – wir können immer und überall wo es kochendes Wasser gibt, „unseren“ Espresso genießen. So können wir dieses liebgewonnene Ritual das ganze Jahr über ausführen. Es hat durchaus etwas feierliches, wenn der Zucker auf die Crema rieselt und beim Umrühren der Duft des Espressos aufsteigt ehe wir den ersten Schluck genießen.

Katja Spieß

Sommernacht

Von den Terrassen der Nachbarn leuchten bunte Lichter durch die Nadeln der mächtigen Kiefer vor meinem Schlafzimmerfenster. Ich lausche kurz den fremden Stimmen, stelle den Ventilator an und lege mich aufs Bett. Durch das offene Fenster verliere ich mich in den Baumriesen. So dicht stehen sie vor mir, als ob ich sie anfassen könnte. Einträchtig neben der Kiefer eine uralte Rotbuche. Heimat und Freunde im Dunkel der Nacht. Vögel und Eichhörnchen schlafen irgendwo. Schattenhaft wuselt der Igel unten durchs Gras auf der Suche nach Würmern und Insekten. Der Ventilator brummt. Meine Schulter schmerzt. Ich drehe mich auf die anderen Seite. Denke an den Tag. Und an den nächsten Tag. All die kleinen Aufgaben schwellen an. Ich drehe mich zurück. Der Ventilator dreht auf. Die Stimmen draußen verebben. Gestärkt durch das Liegen raffe ich mich auf und stelle das letzte rote Lämpchen an der Steckdose ab. Der Ventilator sirrt. Ich spüre die laue Bewegung auf den Armen, lasse ein weißes Kügelchen unter der Zunge schmelzen und schlafe ein.
Der Ventilator rauscht. Schlafwandlerisch drücke ich den untersten Knopf.
Erstes Licht schimmert durch die Gardine. Quirlige Vogelstimmen. Der Ventilator schweigt. Ich genieße die aufkommende Wärme und schlafe noch eine gute Stunde.

Dr. Eva Möllring

Gänseessen mit Familie

Sehr früh in meinem Leben bekam ich mein erstes Kind, ich war gerade 22 geworden. Mitten im Studium erschien es mir dennoch ein guter Zeitpunkt zu sein, hätten doch Vater und Mutter gleichermaßen Zeit für ein Kind. Und so dauerte es nicht lange, dass der Wunsch nach einem weiteren Kind in mir rumorte und drängelte und in die Tat umgesetzt wurde.
Zwei Kinder – eine Familie – aber noch schöner wäre doch…..nun ja, wir haben schließlich eine große Familie gegründet, mit sechs Kindern und einem lebhaften, lebendigen Familienleben. Je mehr Kinder wir hatten, umso seltener wurden die Familientreffen mit Bruder und Schwester und Großeltern und so riefen wir unser Gänseessen ins Leben.
Im November wurden mein Bruder, seine Frau und seine vier Kinder eingeladen und ebenso meine Schwester, damals noch die coole Tante ohne eigene Familie und umso witziger und einfallsreicher mit den Nichten und Neffen und die Großeltern, meine Eltern. Ich quetschte zwei Gänse in den Ofen, ein langer Tisch zog sich durch das gesamte Wohnzimmer, in jedem Kinderzimmer wurden Matratzen ausgelegt und die Familie konnte anrollen. Linie gehörte unbedingt dazu und Rotkohl und Klöße und während die Kinder tobten und die Erwachsenen klönten und kochten, verging ein gemeinsames Wochenende. Schlafmangel hinterher bei allen, Matratzen stapeln und verstauen, vergessene Teddybären, Zahnbürsten oder Brillen nachschicken – geschenkt. Es war schön zusammen und hinterher auch wieder allein…
Mit jedem Jahr veränderte sich die Familie, die halbwüchsigen Kinder hatten Freundinnen oder Freunde, die mitgebracht wurden und zwei Gänse reichten längst nicht mehr, stattdessen wurden Gänsebeine im Ofen geschichtet und zubereitet. Dazu wie immer Rotkohl und Klöße und Linie hinterher für die Erwachsenen…Wechselnde Freunde der Kinder, Trennungen von den Partnern bei allen Geschwistern, der Verlust von Familienmitgliedern durch Tod : das Gänseessen blieb und wurde eine Konstante in unserem turbulenten Leben. Für dieses Jahr steht der Termin schon fest !

Swantje Bernhagen

„Literaturfest“ – (fast) jeden Tag

Bis vor drei Jahren, als ich noch berufstätig war, bestand mein „Morgenritual“ aus Wecker ausstellen, mich früh aus dem Bett quälen, Körperpflege, kleinem Frühstück und dann: ab ins Büro, mehr oder weniger in Eile.
Zwischenzeitlich lebe ich im „Ruhegangs-Modus“: wach werden ohne Wecker, langsam in den Tag gleiten, vielleicht ein wenig sinnieren; jedenfalls noch ohne Input von außen. Und dann?
Ja, wirklich: aufstehen, Kaffee-Maschine hochfahren, mit duftendem Kaffee und kleinem Keks dazu … zurück ins Bett! Und dann?
Lesen! – Meistens frisch und ausgeschlafen, wach, sozusagen „leer“ und aufnahmebereit, meist noch kein Wort gesprochen. – Lesen, ohne dass mir – wie früher – abends die Augen nach fünf Seiten vor Müdigkeit zufallen und ohne dass ich „lesemüde“ bin, weil ich tagsüber schon viele Bildschirmseiten, Vermerke und Datensätze hatte lesen müssen. Ausgeruht und offen sein für Lesen – wunderbar!
Ritual statt Routine – dieses morgendliche „Literaturfest“ feiere ich fast jeden Tag. – Nach etwa einer Stunde ist „das Fest“ dann meist vorbei – dann ist es genug.
Und dann?
Kann der Tag kommen …

Stefan de Greef

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